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Du Looser, du…!

Man stelle sich vor:

Männlich. 42. Verheiratet. Einen Sohn (14). Eine Tochter (17). Seit 15 Jahren selbstständig. Jetzt arbeitslos.

Dieser Mann hatte sich kurz nach Bestehen seiner Ausbildung zum Informatikkaufmann selbstständig gemacht.

Schon in der Ausbildung war er im Dorf und auch bald überregional bekannt, um die Computer der „Alten“ zu reparieren.

Jetzt mietete er sich einen kleinen Laden am Rand eines Dorfzentrums. Immer ein paar Computer und Laptos vorrätig.

Dazu die gängigen Peripheriegeräte. Neben dem typischen „Können-Sie-Mir-Mal-Helfen-Service!“ machte er Schulungen für jede Altersklasse im Umgang mit Software und Internet.

Eine Erfolgsgeschichte. Auch privat.

Im Geschäft lernte seine Frau kennen. Sie kam als Kundin. Später half sie auch im Laden aus. Der Laden lief so gut, dass beide sich schnell Eigentum anschafften. Die Kinder kamen. Der Wohlstand wuchs. Die Kinder wuchsen im Laden auf und halfen.

Ein Familienbetrieb wie er im Lehrbuch steht.

Die bittere Wahrheit nach 15 Jahren. Der Laden war nicht mehr zu halten. Preiskämpfe gegen das Internet waren verloren und die Kunden aus dem Dorf kamen auch nicht mehr.

Die Selbstständigkeit war der Tod für ein neues Angestelltenverhältnis.

Zwei Jahre Bewerbungen ohne Erfolg geschrieben.

Zwar mal hin und wieder ein Vorstellungsgespräch, aber kein Vertrag.

15 Jahre lang war er im Familienbetrieb der Entscheider. Zu Hause mussten keine großen Entscheidungen getroffen werden. Wenn die Kinder oder Frau was haben wollte, dann wurde gekauft. Der Erfolg ließ es zu.

Jetzt verdiente sie in einem Bürojob bei einem kleinen Versicherungsbüro das Haupteinkommen. Zwar nicht der gewünschte Job. Nicht der Job, der einem auch privat die Motivation verleiht, aber er brachte Geld!

Sie hatte erhebliche Startschwierigkeiten. Er aber auch. Der Haushalt war nicht so einfach zu stemmen. Abends waren beide geschafft wie nach einem 16-Stunden-Tag im alten Laden. Das erste Jahr war noch voller Motivation, dass beide wieder Arbeit hätten.

Das zweite Jahr ging nach hinten los. Die Kinder waren mit der Weile Teenies und verstanden die Welt nicht mehr. Keine neuen Turnschuhe und Klamotten, nur, weil man sie im Einkaufszentrum sah.

Der Frust wuchs. Auch bei der Frau. Der Wendepunkt im Familienleben musste her. Der Auslöser kam beim Sonntagsbraten. Das Essen stand auf dem Tisch. Man wartete auf den Vater:

„Und wie viele Absagen waren es diese Woche bei Papa, Mama?“ (Tochter, 17!)

„Ich schätze 5 oder 6!“

„Mist! Dann habe ich verloren. Ich dachte, der Looser bekommt mehr!“

Ein Fünf-Euro-Schein wechselte den Besitzer! Der Sohn bekam ihn.

Nicht das erste Mal. Nur was viel mehr schmerzte war, dass die eigene Tochter den Vater aus tiefster Seele heraus einen Looser nannte. Sohn und Frau auch noch dazu. Sie sagten nichts dazu. Sie tolerierten es dem Anschein nach.

Diese Situation war der Wendepunkt. Es gab Gespräche, was die Kinder und die Frau vom Vater wirklich hielten. Innerhalb von ein paar Monaten kippte die Stimmung massiv.

Vom „Beim nächsten Mal wird es bestimmt was!“ zu „Der Looser bekommt schon wieder ne Absage!“

Der neue Name „Looser“ beschrieb den Vater aber schon länger. Er hat sich nur nie was dabei gedacht. Er packte eine Tasche und ging zum Sport. Früher Sponsor der eigenen Mannschaft. Hier klopfte man ihm auf die Schulter und sagte: „Tach, Looser!“

An seiner Spielleistung hatte es weniger gelegen. Zwei Jahre keinen Job. Vorher Chef. Das schürt natürlich Gerüchte. Besonders in einer Sportmannschaft.

Du Looser, du….

Das war mehr als ernst gemeint. Der Mann verkroch sich zwei Tage im Arbeitszimmer.

Nun war er wieder Entscheider. Das Ergebnis der zweitägigen Arbeitszimmerklausur war ein Arbeitsvertrag im 500 km entfernten Dresden bei einen alten Lieferanten. Gut bezahlt. Es gab für das erste halbe Jahr eine Werkswohnung und einen „Kümmerer“, der sich um Haus und Einschulung der Kinder bemühte.

4 Monate später zog man zurück. Die Familie war mega unglücklich. Trotz mehr Geld. Der Vater blieb in Dresden und kam nur am Wochenende wieder.

Lieber Job als Looser!

Dieser Beitrag soll als Beispiel für viele Menschen gelten, denen genau das immer widerfährt. Ständig höre ich bei meinen Gesprächen von Leuten, die in der eigenen Familie oder Freundeskreis als „Looser“ angesehen werden, nur weil sie keinen Job haben oder bekommen. Ganz schlimm trifft es diejenigen, die vorher viel Verantwortung hatten. Diese Menschen kommen dann mit dem sozialen Leben so gar nicht mehr zurecht. Man muss selber darauf achten, wie oft das zu einem gesagt wird, wenn man arbeitslos ist. Es ist schon erschreckend wie viele Menschen anscheinend mit Leuten, die arbeitslos sind, nicht umgehen können.

 

Larne

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