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Jetzt klau‘ ich dir deine Zeit!

Stellenausschreibungen zählen mit zur Außendarstellung von Unternehmen. Dementsprechend werden sie gestaltet. Es ist schon schwierig eine Stellenanzeige zu finden, in der Angestellte auch über schlechte Erfahrungen im Unternehmen oder dem Job reden!

Genauso wie ein Türsteher sich täglich mit betrunkenen Menschen auseinander setzen muss, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Klärwerks-Mitarbeiter in stinkende Kanäle muss.

Das ist nun mal der Job!

Wer sich aber vorher über so einen Job informiert, der könnte hier die richtigen Fragen für ein Vorstellungsgespräch haben. Aber eines sei zumindest angemerkt. Wer ohne Fragen kommt und einem sofort alles klar über den Job ist, der sollte sich nicht über eine Absage wundern.

Jetzt geht es um ein Vorstellungsgespräch, wo ich mich über eine Absage nicht wunderte. Die Stellenanzeige war so dürftig, dass mir sofort Fragen durch den Kopf schossen. Diese nahm ich mit ins Vorstellungsgespräch. Im Vorstellungsgespräch selber nahm ich die Fragen aber eher, weil ich einfach mal richtig sauer wurde. Ich klaute meinen Interview-Partnern mit diesen Fragen einfach ihre Zeit. Es war eines dieser Gespräche, wo man innerhalb der ersten zwei Minuten merkte, dass der Funke niemals überspringen wird!

Auf fachlicher Ebene hätten wir alle super zusammen gepasst und wären ein klasse Team gewesen. Aber da war dieses Menschliche. Jeder kennt dieses Gefühl, wenn man einen Raum betritt und dort sitzt eine Person drin, die sofort und unmittelbar unsympathisch ist, ohne jeglichen Grund. Nun komme ich aus dem Vertrieb und ich wurde darauf geschult, dieses Gefühl zu unterdrücken und meine Gesprächspartner als neutral einzustufen. Der Smaltalk lockerte diese Situation für mich ein Wenig.

Dass ich zu Anfrag gleich eine Präsentation halten musste und ein Wenig in mein Element übergehen konnte, legte das Gefühl, dass jemand unsympathisch ist, ab.

Es kam Nervosität auf. Sehr stark. Ich kenne sowas nicht. Der Grund war mir aber klar und meine Forschheit kam mir zuvor. Ich hatte zwei Zuhörer. Einen Vertriebsleiter und seine Assistentin. Die Präsentation machte ich auf einer Videowall und die beiden saßen keine drei Meter von mir über den Tisch entfernt, sodass ich im Stehen ihre Notizen lesen konnte. Nichts Interessantes.

Kästchen ausmalen!

Ja, sie malte tatsächlich Kästchen bzw. die Karos auf ihrem Schreibblock aus. Das fand ich jetzt eher sympatisch. Aber als er gleichzeitig auf seinem Laptop anfing Mails während meiner Präsentation zu beantworten, musste ich eingreifen. Nach nur drei Minuten stellte ich die Frage, ob man noch „geistig“ anwesend sei. Alle machten ja schließlich etwas anderes.  Ich ging damit auch offen um:

„Ja, Herr Sprenger, wir sind noch beide bei Ihnen!“ „Ja, alles gut!“

Es dauerte keine 30sek, da waren beide wieder abwesend. Jetzt griff ich klarer ein:

„Es tut mir Leid, aber dieses Geklackere auf der Tastatur stört mich! Ich stehe nun auch unmittelbar vor Ihnen, wenn Sie fragen haben, dann fragen Sie bitte direkt!“

Ich gab mir nach der Präsentation selber eine 2 als Schulnote. Man nannte mich bescheiden, da ich von allen Kandidaten mit Abstand die beste Präsentation gemacht hätte. Besonders lobte man mein Eingreifen, weil Leute abwesend waren. Ich fand das schon dreist und es war kein Test, das bestätigte man mir noch! Man entschuldigte sich für das Abwesend-Sein.

Alles kaputt nach zwei Minuten.

Nach dieser kurzen Kritik ging es in das eigentlich Gespräch. Der Vertriebsleiter erzählte mir davon, wie er innerhalb von 2 Jahren diesen Betrieb zu einem Rekordumsatz herangezogen hat. Und das Wachstum, welches er erwartet, muss nun mitgetragen werden von einer neuen Vertriebsperson im Außendienst. Man erzählte mir von Vertrauen und Respekt. Man sei in der Region Marktführer geworden. Der Service sei einmalig in der Branche.  Neben seiner beruflichen Laufbahn, die natürlich, laut ihm, absolut erfolgreich lief, gab es ja noch sie. Als Vertriebsassistentin hätte sie einen Job, der Spaß macht und in dem sie ständig Erfolg hätte. Diese Vertriebsfloskeln gingen noch so ziemlich lange weiter. Ich schaltete innerlich ab. Es kamen Diskrepanzen auf:

Die Stellenanzeige sagte aus, dass die Hauptaufgabe in der Kundenbetreuung läge. In dem Monolog des Vertriebsleiter hieß es allerdings:

„Kundenbetreuung gibt es in unserem Geschäft nicht. Wir leben nur von der Kalt-Akquise. Wenn ein Kunde bei uns kauft oder mietet, dann kommt er im Regelfall auf den Innendienst zurück, da bedarf keinen Besuch des Außendienstes! Hier heißt es fleißig sein. 3 Tage telefonieren, 2 Tage die Termine abarbeiten!“

Jetzt klaue ich dir deine Zeit!

Boar, war ich sauer! Ich kochte innerlich! Ich dachte nur:

Ich setzte mich für euch hin, machte eine Präsentation, die Ihr nicht würdigt. Ihr fragt mich noch, ob Ihr Teile davon für eine interne Präsentation verwenden dürft! Ich fahre fast eine Stunde zu euch. Es ist über 30 Grad und ihr lasst mich 15min ohne Wasser in einem nicht klimatisierten Büro warten?!

Wie schnell dieses Gefühl der Unsympathie wieder da war! Ich hatte ja noch meine Fragen und mein Glas Wasser, welches man zwischendurch dann doch noch angeboten bekam, war noch nicht alle! Ich gauckelte also Interesse vor. Ich verstellte mich komplett. Ich wich deren Fragen aus. Beantworte sie nur knapp und kurz. Wies drauf hin, dass ich aber gerne Feedback unmittelbar nach dem Gespräch hätte. Ich wusste, welche Forderung ich stellte. Zwei Menschen, die sich gerne reden hören und keine Gelegenheit auslassen seinem Gegenüber zu zeigen, dass sie durch ihre Erfahrungen und Erfolge die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten.

Eigentlich wollte der Vertriebsleiter das Gespräch schon nach 20 Minuten, seine Redezeit ca. 15 Minuten, abbrechen. Ich wollte ihm aber seine Zeit stehlen und bat darum mir noch eine Chance zu geben. Sie nicke. Ich lachte innerlich dreckig vor mir her. Aus diesen 20 Minuten wurden dann über 90. Da ich ein Feedback wollte, unterließ man es nicht gleich nach jeder Frage meine Antwort zu analysieren. Aber Moment, vor mir lang meine Notizmappe! Herrlich, da waren Kästchen zum Ausmalen. Ja, ich bekam ständig Gegenwind, keine Antwort passte denen. Man verstickte sich in eine Station meines Lebenslauf – abgebrochene Ausbildung nach 3 Monaten – über 30 Minuten. Kästchen ausmalen wurde nicht langweilig. Hat jemand gerade was gesagt? Man! Kästchen ausmalen beruhigt aber. Nein, die meinen doch meine Person damit? Ist das lustig solchen Menschen ihre Zeit zu stehlen.

Jetzt kam die beste Kritik von ihr:

„Herr Sprenger, Sie können uns keine klaren Antworten zu Ihren Stationen im Lebenslauf geben. Sie weichen Fragen aus und ziehen ständig die Reißleine im Gespräch. Sowas haben wir noch nicht erlebt. Dabei könnte ich mir gut vorstellen mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Wir sitzen hier nun schon lange und Sie haben „irgendwelche“ Fragen mitgebracht. Da hilft es auch nicht ständig Notizen (gedanklich: Das Ausmalen hast du mir beigebracht) zu machen. Sie hätten mal nach einer Pause bitten können und sagen können, dass wir neu starten!“

„Mit dieser Kritik, die ich annehme, möchte ich jetzt auch das Gespräch beenden! Ich glaube, ich habe alles relevante zum Job, zur Firma und zum Team gehört. Danke, dass ich Ihre Zeit klauen durfte!“

Wir standen bereits, um uns die Hand zu geben

„Wie meinen sie das jetzt, Herr Sprenger?“

Ich outete mich nun:

„Wer mir erzählt, dass ich mind. 60% meiner Arbeitszeit mit Telefon-Kalt-Akquise verbringe und diesen Job mit Kundenbetreuung im Außendienst in der Stellenausschreibung beschreibt, dem kann ich nicht glauben. Wenn ich dann noch eine Präsentation halten muss und Sie dabei Mails beantworten, die ich im spiegelnden Fester mitlesen kann, fehlt es mir an Respekt gegenüber meiner schon geleisteten Arbeit. Wenn ich mit meiner zukünftigen Kollegin rede bzw. ihr etwas vorstelle, dann erwarte ich Aufmerksamkeit und keine Ablenkung durch Ausmalen von Kästchen. Was anderes tat ich bei Ihnen auch nicht!“

Nochmals danke, dass ich hier sein durfte, ich werde jetzt fahren!

Gelähmte Gesichter!

Die Stellenausschreibung war nun eine krasse Lüge und hatte nichts mit Außendienst in der Kundenbetreuung zu tun. Hier ging es schlichtweg um Kalt-Akquise! Darum, dass man nach Phoning-Leitfaden telefoniert und Termine besorgt!

Leider höre ich es immer häufiger in der Gruppe, dass unangenehme Hauptaufgaben in Stellenanzeigen nicht genannt werden. Sollten sie genannt werden, werden andere Aufgaben in der Stellenausschreibung als angenehmer und besser herausgestellt. Diese Geschichte dient als Präzedenz, da so vielen Bewerbern schon widerfahren ist, dass es in der Stellenausschreibung um andere Aufgaben geht als im Vorstellungsgespräch besprochen.

 

Larne

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