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Sekt für Selters

Nach 1.25 Stunden Autofahrt kam ich an meinem Ziel an. Ein modernes Gebäude mit angeschlossenem Lager. Ich meldete mich am Empfang. Mein Gesprächspartner saß nur zwei Türen weiter. Die Tür stand offen. Ich klopfte in den Rahmen und sagte:

„Guten Tag, mein Name ist Sprenger, ich habe um 11 Uhr ein Vorstellungstermin bei Ihnen!“

„Vorstellungstermin???

Ach, ja, ich habe mir Sie sogar eingetragen!“

Oh mein Gott, wo war ich da nur gelandet?

Hinterm Schreibtisch kam ein Mann Mitte 40 in einem groß-kariertem Polohemd hervor. Er passte ins völlig durchdesignte Golfzimmer mit Putting-Green.

„Herr Sprenger, möchten Sie etwas trinken?“

„Gerne, ein Wasser, bitte!“ Ein mich irgend was fragendes Gesicht schaute mich an.

„Bitte gehen Sie schon mal in den Besprechungsraum!“

Oh mein Gott, ein Raucherraum. Sehr lecker. 

Mit der Weile war es 10 nach 11 und mein Gesprächspartner war nicht da. Ich hörte ihn aber aus seinem Büro telefonieren:

„Frau Meyer. Ich finde in diesem Laden kein Wasser! Besorgen Sie mir bitte eines und stellen es auf meinem Schreibtisch!“

Er kam zu mir in den Raum:

„Jetzt habe ich glatt Ihr Wasser vergessen, Herr Sprenger!“

Geile Lüge, geht das auch im Berufsalltag hier so zu? Die Atmosphäre wurde komischer.

Nach weiteren fünf Minuten kam er mit einem Glas Wasser und einen Coffee-To-Go-Becher:

„Hier Ihr Wasser! Wenn Sie Nachschub möchten, wir haben nichts mehr!“

„Danke, so bin ich auch nicht drauf angewiesen!“

Nachdem Frau Meyer nun die Schuldige war, weil es kein Wasser gab, konnte das Gespräch auch mit 20 Minuten Verspätung beginnen.

Bei der Vorstellung sagte man mir folgendes:

„Wir sind hier eine dreiköpfige Spitze. Herr Schmidt, Finanzen. Herr Klaus, Personal. Ich für Vertrieb und Marketing UND SO EIN QUATSCH!“

„Ahh, wenn Sie also – FÜR SO EINEN QUATSCH – zuständig sind, können Sie mich gar nicht einstellen? Sie sind gar nicht legitimiert dazu?!“

„Nein, dafür sind Herr Schmidt und Herr Klaus zuständig. Ich führe nur eine Vorauswahl durch. SIE MÜSSEN MIT MIR KLARKOMMEN! Und darum auch gleich die erste Frage an Sie Herr Sprenger:

Warum sollte ich Sie einstellen?“

„Ich dachte, Sie können mich nicht einstellen? Und warum gleich nach Beginn solche Hammer-Fragen? Wollten wir uns nicht erstmal kennen lernen? Ich konnte mich ja noch nicht mal vorstellen bei Ihnen!“

„Ihr Lebenslauf. Der liegt hier. Den habe ich gelesen. Nicht notwendig mit der Vorstellerei! Aber wenn Sie mir die Frage nicht beantworten wollen…!“

„Das habe ich nicht gesagt. Wenn Sie eine Antwort wollen, stellen Sie mich ein, dann können Sie sich das selber beantworten!“

„Nicht schlecht die Antwort! Was wollen Sie verdienen?“

„Also doch nicht meine Bewerbung gelesen? Oder nur den Lebenslauf?! Da stehen die Forderungen nämlich drin. Sie haben es ja auch in Ihrer Stellenanzeige gefordert. Ich kann mir deshalb die Frage nicht erklären!“

JETZT STELLTEN SICH DIE HAARE BEI MIR AUF:

„Und des Weiteren: Ich rede nicht mit einem Menschen über Gehalt, der noch nicht mal legitimiert ist mich einzustellen. Wir können gerne ein zweites Gespräch mit Herrn Klaus und Herrn Schmidt führen, aber weil Ihr Wasser absolut  besch…eiden schmeckt, schreiben Sie mir bitte eine E-Mail, dass ich hier war und, dass es mit uns nichts wird!“

Auf dem Rückweg kam ich am Golf-Büro vorbei. Ein anderer Mann saß telefonierend im Büro: „Frau Meyer, wo ist Herr Konrad (mein Gesprächspartner) wir haben um 11:30 Uhr ein Termin.

Wir müssen zum Elektro-Hubert auf den Golfplatz!“

Nachfrage von mir: „Sind Sie Herr Schmidt?“ „Ja, das bin ich!“ „Tur mir Leid, dass Herr Konrad nicht pünktlich kommt, aber er wusste nicht, wo das Wasser steht und konnte es mir somit auch nicht reichen! Außerdem schmeckt es besch….!“

Ungelogen. Die Frau Meyer saß nur 20 Meter vom Büro entfernt. Es wurde aber ständig mit Ihr aus dem Chef-Golf-Büro telefoniert. Ich sah wie sie sich ein Glas Wasser einschenkte und zu ihrer Kollegin sagte:

„Jetzt nehmen Sie uns auch unser selbst gekauftes Wasser!“

Drei Tage vorher hatte ich einen Gutschein für eine Flasche „Mumm“ bei Edeka gewonnen.

„Frau Meyer?! Ihr Wasser war hervorragend und weil das Ihr privates war, schenke ich Ihnen diesen Gutschein! Aber leider wird es nichts mit uns als Kollegen werden.!“

Larne

10 Comments

  1. Hervorragend geschrieben! Versuchen Sie ihr Glück doch mal beim Vilsa Brunnen in Bruchhausen-Vilsen. Dort gibt es beim Vorstellungsgespräch bestimmt reichlich Wasser auf dem Tisch :)

    • Die haben ein nette Karriere-Seite. Leider nichts frei für mich. Und das Employee-Branding scheint auch gut zu sein.

  2. Déjà-vu!!! Hattest du das Gespräch in einer Hamburger Firma, die in der Abfallbeseitigung tätig ist?

    • Grundsätzlich werden keine Namen, Marken oder Unternehmen genannt. Aber so viel kann ich sagen, es war nicht in HH und keine Firma aus dem Abfallgewerbe.

  3. Manchmal frage ich* mich auch, wieso mich solche Klitschen überhaupt zu einem Gespräch bitten! 0 Vorbereitung.

    * Seit 5 Monaten ohne Arbeit.

  4. Sehr schön geschrieben. Gläser und Wasser gehören vorab schon auf den Tisch gestellt. Kaffee ist vorbereitet oder man hat eine Maschine. Aber bei einer Dreierspitze läuft das nicht so einfach. Da weiß ja niemand mehr, wer was machen darf, soll, tut.

    LG
    Renate

    • So siehts aus. Darum muss man sich das selbst mitgebrachte Wasser von seinen Angestellten besorgen.

  5. Da bietet man ihnen theoretisch einen Job an, aber weil sie sich zu fein für Wasser sind und zwingend mit dem Personalchef sprechen möchten lehnen sie ab und sitzen dem Staat weiter als Schmarotzer auf unseren Einkommen.

    Als Arbeitsloser sind sie gar nicht in der Position sich so über einen potenziellen neuen Arbeitgeber zu stellen!

    Kein Wasser da – oh Gott, sowas passiert jedem mal zuhause!
    Ein Raucherzimmer – sicher nicht angenehm, aber gleich drüber lästern??

    Herr Sprenger sie sind unfähig und mit so einer Einstellung werden sie nie einen Job bekommen!

    • 1. Mir hat man nie einen Job angeboten. Auch nicht theoretisch.
      2. Arbeitsagentur und Trainings lehren einem auch nur mit Verantwortlichen zu sprechen. Dieser Mensch hatte nie eine Handlungsvollmacht oder ähnliches mir einen Job anzubieten.
      3. Wer Leute anonym als Schmarotzer beschimpft, der ist wahrscheinlich selber mit seinem Leben nicht ganz im Reinen.
      4. Jeder Arbeitslose/Mensch hat das Recht sich einen Job und Arbeitgeber auszusuchen. Freie Berufswahl nennt man sowas.
      5. Mir wurde das Wasser angeboten. Ehrlichkeit: „Ich kann Ihnen im Moment doch nichts anbieten!“, hätte das Gespräch auf eine andere Ebene geführt.
      6. Das Raucherzimmer ist für mich nicht schlimm, setzt der Geschichte nur das „I-Tüpfelchen“ auf. Sonst OK. Ganz Ihrer Meinung.
      7. Unfähigkeit und irgend eine Einstellung aus der Geschichte zu interpretieren grenzt an hellseherische Fähigkeiten. Nicht schlecht!

      HINWEIS: Wer weiter anonym postet, der wird in den Kommentaren nicht mehr zugelassen.

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